Morbide Faszination

Ein kommunistisches Ufo aus dem Kalten Krieg, eine einst florierende Touristen-Westernstadt, eine Unglück bringende Insel vor New York. Im Verfall begriffene Gebäude und Orte rücken immer stärker in Sichtweite der Kameras. Ein gefundenes Fressen für „Trümmer-Touristen“.
© Pixabay

Die Heilstätten von Beelitz bei Berlin waren 2018 Schauplatz des ersten deutschen Social Media-Horrorfilms

Sie sind teilweise zerstört, verfallen, verlassen. Und fast alle erzählen sie längst vergangene Geschichten, die sich zutrugen, bevor die Natur sich ihrer wieder bemächtigte. Wie der Gesang einer Sirene ziehen die im Volksmund als „Lost Places“ bezeichneten Orte Fotografiebegeisterte, Abenteurer und Geisterjäger in ihren Bann. Zwar wäre „Abandoned Places“ die korrektere Bezeichnung – aber der Pseudoanglizismus lässt erkennen, worum es sich handelt: um Orte, denen die Welt ihren Rücken zugewandt hat. Was daran der Reiz sein soll, ist leicht erklärt. „Lost Places“ stehen selten im Reiseführer. Oft dürfen sie gar nicht betreten werden. Sie wurden nicht verändert, nicht renoviert. Und um die Geschichten hautnah zu erleben, kommt man nicht umhin, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben – eine Schatzsuche in der Vergangenheit. 

Verfallen und vergessen?

Am Rande der Ortschaft Malinska auf der kroatischen Insel Krk liegt ein heruntergekommener Hotelkomplex. Seine letzten Gäste empfing er im Jahr 2001. Das Unterholz bahnt sich mittlerweile langsam seinen Weg durch Fenster und Gänge. Die Einrichtung ist zerstört, wenngleich die Mauern immer noch solide Wind und Wetter trotzen. Das Haludovo Palace wurde 1971 gebaut. Investitionen kamen dabei unter anderem von keinem Geringeren als Bob Guccione, dem Gründer des Magazins Penthouse für die Freuden des Mannes. Überhaupt dürfte das Gebäude eher die männlichen Gelüste gestillt haben. Einem Mythos nach soll sogar der irakische Diktator Saddam Hussein im Pool ein Champagner-Bad genommen haben. Das Casino, das Guccione in dem Hotel eröffnete, ging jedoch innerhalb kürzester Zeit bankrott. Und auch das Hotel musste nach 30 Jahren den Kampf als verloren hinnehmen. 

Dennoch blieben die Wegweiser zum Hotel stehen, immer wieder taucht es in Dokumentationsfilmen auf. Und sogar der besonders bei jüngerem Publikum gefeierte österreichische Musiker RAF Camora nutzte es als Kulisse in einem seiner Musikvideos. Das alles brachte dem Haludovo ein Renommee als „Europas berühmtester Lost Place“ ein. Jedoch scheint allein die Tatsache, dass es eine „berühmteste“ Stätte dieser Art gibt, etwas skurril. Überall auf der Welt findet man ausgestorbene Heilanstalten, Hotels, Industriegebäude und andere für die Menschheit „verlorene Orte“. Der Begriff „verloren“ scheint in diesem Zusammenhang heutzutage allerdings nicht mehr ganz treffend. Denn in den vergangenen Jahren rückten genau solche Orte immer stärker ins Zentrum des Interesses und vor die Kameralinse. 

Den Hype um die verlassenen Orte sieht der Grazer Fotokünstler Thomas Windisch aber nicht als neues Phänomen. Nur sei er jetzt sichtbarer. „Weil jeder Fotos in Sekunden im Internet teilen kann und natürlich auch die Medien das Thema immer wieder aufgreifen“, meint Windisch. Seit er sich mit 30 Jahren selbst eine Kamera schenkte, wuchs seine Begeisterung für das Fotografieren verlassener Orte stetig. „Mittlerweile geht es auch darum, der Menschheit sichtbar zu machen, wie denn eine Welt ohne Menschen aussehen könnte oder würde. Endzeitfilme, in denen solche Szenarien visuell abgebildet werden, erfreuen sich ja großer Beliebtheit. Nur stammen diese Szenarien meistens aus dem Computer. Die Plätze, die ich fotografiere, sind alle real und echt“, betont der Grazer.

Trümmer-Reisende

Die Community ist groß. Und sie wächst zunehmend. „Heute ist es wohl für viele Menschen die Flucht aus der gewohnten sterilen und belebten Umgebung z.B. einer Stadt. In einem Lost Place ist man (meistens) für sich alleine, es kehrt Ruhe ein und man ist in einer Umgebung, die sich ohne das Zutun von Menschen weiterentwickelt hat. Das hat schon etwas Romantisches“, findet Windisch. 

Auch die Ungewissheit verleiht den Plätzen ihren Reiz. „Jeder Blick hinter eine verschlossene Tür ist wie ein Glücksspiel. Man kann eine Niete ziehen und nur langweilige Räume ohne Inhalt, Architektur oder Ausstrahlung finden. Oder man findet alte Schätze wie antike Möbel, ein Klavier oder eine imposante Architektur“, schwärmt Michael Schwan, ebenfalls  leidenschaftlicher Lost Places-Fotograf. „Wie es sich anfühlt, in ein Gefängnis einzubrechen, ist für die meisten unvorstellbar. Doch dieses Gefühl hatten wir auf einer Tour in Frankreich. Die äußerste Zaunreihe war kein Problem. Eine Jacke reichte aus, um sicher über den Stacheldraht-Zaun zu klettern. In der einen Meter dicken Mauer fanden wir einen Spalt, kaum breiter als 20 Zentimeter. Danach der erste Blick auf das ehemalige Sportfeld des Gefängnisses – eingezäunt und an den Ecken mit Wachtürmen versehen. Dahinter der riesige Gefängnisbau. Wir hatten es also geschafft“, schildert er eines seiner Abenteuer. 

Die größte und zeitaufwendigste Herausforderung ist dabei das Finden von verlassenen Orten. Heutzutage gestaltet sich die Recherche durch moderne Medien wie das Internet jedoch deutlich einfacher. „Es gibt unzählige Berichte über Orte, die nicht mehr genutzt werden. Außerdem gibt es eine große Community an Lost Places-Fotografen, die sich selbst „Urbexer“ nennen (Anm.: eine Kombination aus „Urban“ und „Exploration“). Da jeder in einer anderen Region wohnt, findet ein Austausch von Orten statt und man hilft sich gegenseitig“, weiß der gebürtige Deutsche. Umhin kommt dabei jedoch keiner, zumindest zusätzlich der „klassischen Methode“ zu vertrauen: dem Zufall. „Im Vorbeifahren findet man oft Orte, die den Eindruck erwecken, dass hier niemand mehr wohnt. Darauf wirft man gerne mal einen genaueren Blick“, so Schwan.

Dank Social Media-Plattformen wie Instagram treten das Entdecken der Geschichte, Ruhe und Romantik jedoch langsam in den Hintergrund. Windisch ist der Meinung, dass das gesteigerte Interesse der breiten Gesellschaft und die internationale Aufmerksamkeit nicht unbedingt negativ sein müssen. Im besten Fall könnten manche dieser Orte dadurch erhalten werden. „Aber es ist auch ein bisschen wie beim Massentourismus. Wenn eine Location zum Trend wird und die ersten 100.000 Touris durchgetrampelt sind, bleibt selten der Charme erhalten, von den Beschädigungen ganz zu schweigen.“ 

Nicht ohne Grund wurden ursprünglich nach dem „Urbex-Kodex“ die genauen Standorte der „Lost Places“ selten an die Öffentlichkeit getragen. Aber nicht nur der fehlende Respekt mancher Besucher stellt durch den gesteigerten Hype ein Problem dar – auch der Diebstahl hält Einzug. „Früher war es eine Seltenheit, dass Gegenstände geklaut wurden. Heute kann ein Ort innerhalb weniger Wochen leergeräumt oder völlig zerstört sein. Ich habe es selbst schon erlebt, wie innerhalb von drei Wochen ein komplettes Schlafzimmer aus einem Schloss in Frankreich entwendet wurde. Früher undenkbar, heute wohl ein lohnendes Geschäft“, weiß der deutsche Trümmer-Fotograf.  

Die Jagd nach dem perfekten Foto, die Gier nach dem „Insta Shot, den keiner vorher hatte“ verleitet so manchen Trümmer-Reisenden allerdings immer wieder zu unvorsichtigen und waghalsigen Handlungen. „Wie bei jedem Trend zieht auch dieser nach und nach leichtsinnige Personen an, die beispielsweise im Krankenhauskeller vom Prypjat mit der stark verstrahlten Kleidung der Liquidatoren Selfies machen oder meinen, in kurzen Hosen mit Flip Flops und Handy-Taschenlampe Bergwerke erkunden zu müssen“, sieht Windisch eine Gefahr in der Urbex-Bewegung. Und auch Schwan mahnt, verlassene Gebäude immer mit einem gewissen Respekt und einem angemessenen Maß an Vorsicht zu betreten. 

Von Marion Pertschy

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