“Plastik-Krise”

Grundlegender Systemwandel wird gefordert.
© Pixabay

Forscher halten die Bem√ľhungen zur L√∂sung der “Plastik-Krise” f√ľr “unwirksam und irref√ľhrend”. Freiwillige Ma√ünahmen und Marktmechanismen w√ľrden nicht ausreichen, um das Problem anzugehen; ein grundlegender Systemwandel sei notwendig, betonen sie in einem Bericht der Dachorganisation der nationalen Wissenschafts-Akademien in der EU, in dem sie der Politik sieben Empfehlungen geben.
F√ľr den gerade ver√∂ffentlichten Bericht “Verpackungskunststoffe in der Kreislaufwirtschaft” haben Wissenschaftler von 28 europ√§ischen L√§ndern zusammengearbeitet, um die gesamte Kunststoff-Wertsch√∂pfungskette zu untersuchen. Sie verweisen in der Arbeit auf die Diskrepanz von einerseits Millionen Tonnen von Kunststoffabf√§llen, die in der Umwelt landen, und andererseits einer gleichzeitigen Zunahme der Verwendung von Plastik.

Ausmaße der Umweltbelastung

Seit den 1960er-Jahren ist die weltweite Produktion von Kunststoffen um das 20-fache gestiegen und erreichte 2018 rund 360 Millionen Tonnen pro Jahr, 62 Millionen Tonnen davon in Europa. Ein erklecklicher Anteil davon landet wieder in der Umwelt. “Makro- und Mikrokunststoffe sind auf dem Land, in den Meeren und sogar in der Luft weit verbreitet”, erkl√§rte Michael Norton von der Akademien-Dachorganisation EASAC, der auch die √Ėsterreichische Akademie der Wissenschaften (√ĖAW) angeh√∂rt, in einer Aussendung. Er betont, dass die Warnungen des Berichts “keine Dystopie von Umweltaktivisten sind – es ist Wissenschaft”.
Weil sie freiwillige Ma√ünahmen und Marktmechanismen f√ľr nicht ausreichend halten, sollten “die europ√§ischen Gesetzgeber Regeln und Anreize verabschieden, um den √úbergang zu einer Kreislaufwirtschaft von Kunststoffen zu beschleunigen. Wir m√ľssen Kunststoffwaren und -verpackungen wiederverwenden, unser Recycling drastisch verbessern und vor allem daf√ľr sorgen, dass kein Abfall in die Umwelt gelangt”, so Norton. Es seien grundlegende und systemische Reformen entlang der gesamten Wertsch√∂pfungskette erforderlich, um Sch√§den an der Umwelt, der biologischen Vielfalt und Risiken f√ľr die menschliche Gesundheit zu verringern.

Neue Wege des Recycling erforderlich

Die Wissenschaftler der nationalen Akademien haben sieben Empfehlungen an die politischen Entscheidungstr√§ger der EU erarbeitet, wie das System transformiert werden k√∂nnte. Dazu z√§hlt etwa ein Verbot des Exports von Kunststoffabf√§llen aus der EU. “Europa sollte mit seinem eigenen Abfall umgehen und ihn nicht auf andere abladen, die weniger in der Lage sind, damit umzugehen”, so Annemiek Verrips von der Niederl√§ndischen Akademie.
Bei einem Exportstopp sei es aber unerl√§sslich, Recyclingsysteme zu entwickeln, die alle Kunststoffabf√§lle verarbeiten k√∂nnen. Notwendig seien “geschlossene Kreisl√§ufe”, also etwa das Recycling von PET-Flaschen zu PET-Flaschen, “w√§hrend die energetische Verwertung ein letzter Ausweg sein sollte, nachdem bessere Optionen wie offener Kreislauf f√ľr die Verwendung in einem anderen Produkt und molekulares Recycling ausgesch√∂pft sind”, so Norton.
Die Wissenschaftler sehen derzeit ein sehr begrenztes Potenzial f√ľr biologisch abbaubare Kunststoffe, die Umstellung auf viele sogenannte “Bio”-Materialien sei u.a. aus Ressourcen- oder Umweltgr√ľnden nicht zu rechtfertigen: “Sie k√∂nnen die Verbraucher irref√ľhren, indem sie ein falsches Bild von Nachhaltigkeit vermitteln und damit die Gefahr einer Verl√§ngerung der heutigen Wegwerfmentalit√§t in Kauf nehmen”, so Norton.

Politische Dimensionen hinter Plastik

Die Wissenschafter empfehlen weiters, Kunststoffabf√§lle nicht auf Deponien zu entsorgen und die Einmalverwendung von Kunststoffbeh√§ltern zu minimieren. F√ľr Kunststoffhersteller und Einzelh√§ndler sollte das Verursacherprinzip gelten. Eine Ma√ünahme in diese Richtung w√§ren etwa “relevante Steuererm√§√üigungen” f√ľr die Verwendung recycelter Kunststoffe.
Die Recyclingf√§higkeit von Kunststoffen sollte durch die Begrenzung der Verwendung von Additiven verbessert werden, lautet eine weitere Empfehlung. Und schlie√ülich halten die Forscher unbehandelte Plastikrohstoffe f√ľr zu billig, die Kosten f√ľr Umwelt und Gesellschaft seien darin nicht enthalten. Dies sei ein grundlegendes Hindernis f√ľr eine gr√∂√üere Nachfrage nach recycelten Materialien. Der Preis sei auch das wichtigste Signal f√ľr die Verbraucher, ihr Verhalten schnell zu √§ndern.
 
APA/Red

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