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Hätte, hätte Lieferkette

Die Lieferkettenrichtlinie des Europäische Parlaments muss innerhalb von zwei Jahren von den Mitgliedstaaten in nationales Recht umgesetzt werden. Was bedeutet das für die österreichische Hotellerie & Gastronomie?

14.06.2024 9:50
LB
© pixabay

Nach Beschluss des Europäischen Parlaments soll das EU-Lieferkettengesetz für europäische Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitenden und einem weltweiten Nettojahresumsatz von 450 Millionen Euro gelten. Sowie für Unternehmen aus Drittstaaten, sobald sie einen Nettoumsatz von 450 Millionen Euro pro Jahr innerhalb der EU erzielen. Erklärtes Ziel der Gesetzgebung: Über alle Lieferanten hinweg bis zum Produzenten muss der Nachweis erbracht werden, dass soziale, ethische und ökologische Standards strikt eingehalten wurden. Großkonzerne sollen so in die Verantwortung genommen werden, Umweltbelastungen zu minimieren, Kinderarbeit zu verhindern und für gerechte Entlohnung in den jeweiligen Produktionsländern zu sorgen. Für Barbara Schmied-Länger, Referentin des Fachverbands Hotellerie der Wirtschaftskammer Österreich, „ist nun entscheidend, dass es bei der nationalen Umsetzung zu keiner übermäßig bürokratischen Belastung der Unternehmen durch eine Übererfüllung von EU-Vorgaben kommt.“

Sand in den Lieferketten

Eine übermäßige Belastung stellen weltweit kränkelnde Lieferketten ohnehin bereits dar – mit dem Ergebnis, dass es keine Liefersicherheiten mehr gibt. Begonnen hat das weltweite Chaos während der Corona-Pandemie, mit dem Ukraine-Krieg wurde es weiter verschärft und spätestens mit dem Nahost-Konflikt manifestiert. Potentielle weitere Auseinandersetzungen mit massiven Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sind hier noch nicht berücksichtigt. Um nur ein Beispiel zu nennen: unterschiedliche Auffassungen Chinas und der USA rund um Taiwan. Durch all diese globalen Krisen und internationalen Konflikte rückte der Begriff des „Reshorings“, also die Rückverlagerung von Produktionsstätten aus Schwellenländern wieder zurück in Industriestaaten, in den Mittelpunkt politischer Vorstöße. Man will sich wieder ein Stück weit unabhängiger von anderen Regionen der Welt machen. Doch die Ansiedelung von Fabriken sind mittel- bis langfristige Großprojekte und können aufgrund höherer Lohnniveaus wiederum steigende Preise bedeuten, was in Zeiten hoher Inflation schwer zu argumentieren ist. Alleine dadurch wird klar, dass Unternehmen eigenverantwortlich Lösungen finden müssen, um allen Widrigkeiten zum Trotz wettbewerbsfähig zu bleiben. „Robuste Lieferketten sind ein Schlüsselmodell für ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Wir haben bereits seit vielen Jahren ein etabliertes ,Social Compliance Risk Management System‘, über das wir auch externe Sozialaudit-Nachweise einfordern können“, beschreibt Alexa Kazda-Klabouch, Head of Corporate Communication & Public Policy von Metro Österreich, einen Teil der bestehenden Strategie in Zusammenarbeit mit zuliefernden Unternehmen. „Die Einhaltung der Menschenrechte und von Umweltbelangen sollte ein Selbstverständnis sein, das allen Menschen in unseren Lieferketten zusteht“, zeigt sich Kazda-Klabouch überzeugt von der unternehmerischen Verantwortung.

(Schein-)Lösung Zertifikate

Der Grundgedanke der EU-Legislative wird von Unternehmen prinzipiell  positiv aufgenommen. Doch besteht weitreichende Skepsis und Unsicherheit zu den konkreten Umsetzungen – vor allem bei Betrieben, die offiziell nicht von der Gesetzgebung betroffen sind. Alexander Walter, Geschäftsführer von „Der Walter Berufskleidung“ und Zulieferer von Hoteliers und Gastronomen, sieht die Gesamtthematik differenziert kritisch: „Auch wenn die Rahmenbedingungen nur auf große Konzerne abzielen, stimmt das in der Praxis einfach nicht. Der kleine Zulieferer muss dem Konzern Nachweise bringen, sofern er mit ihm zusammenarbeiten möchte. Kleinst- aber auch mittelständische Betriebe werden sich das langfristig nicht leisten können. Es geht nicht nur um Unternehmenszertifikate, sondern auch um die Zertifizierung von einzelnen Produktlinien, was sich nie und nimmer rechnet. Zusätzlich halte ich es nicht für realistisch, dass Großkonzerne tatsächlich auch alles kontrollieren können.“

Gerade bei waren aus Drittstaaten dürfte die Kontrolle schwierig werden // © pixabay

Ähnlich sieht es Reinhard Pauser, Produktionsleiter der Konfiserie „Altmann & Kühne“, welche unter anderem die Schick-Hotelkette beliefert: „Man kann die Lieferkette nicht so weit zurückverfolgen. Wir beziehen alle Rohstoffe für die Herstellung unserer Pralinen von einem Unternehmen aus Deutschland, das seine Ware wiederum aus der EU oder von Drittstaaten bezieht. Woher die Kakaobohnen tatsächlich stammen, darüber haben wir keinen Einblick. Wir können unseren Lieferanten nur vertrauen und achten hierbei auf Zertifikate, wie beispielsweise Fairtrade.“ Martin Stanits, Leitung Public Affairs & Unternehmenssprecher der Österreichischen Hoteliervereinigung, sieht gar ein neues Geschäftsmodell, das sich manche Akteure zu Nutze machen könnten: „Je nach finanziellem Potenzial und Engagement der Zuständigen kann man alles bis zur Quelle zurückverfolgen. Wenn jemand für Bezieher von Waren aus Drittstaaten all- oder halbjährliche Touren organisieren will, um laufende persönliche Kontrollen zu ermöglichen, stößt man jedenfalls in eine Geschäftslücke vor.“ Darauf, so Stanits, dürfe die Regelung nicht hinauslaufen – die Gefahr sei jedoch definitiv gegeben.

Pragmatik vor Hektik

Die Nationalstaaten sowie Unternehmen jeglicher Größenordnung – soviel scheint jedenfalls bereits jetzt festzustehen – dürften zukünftig mit der Thematik, ihrer genauen Ausgestaltung sowie der operativen Handhabung beschäftigt sein. Walter nähert sich den Lieferketten und ihrem Rattenschwanz pragmatisch an: „Die Suppe wird immer heißer gekocht als gegessen. Es wird davon abhängen, wie die EU das Gesetz kontrolliert und sanktioniert. Man braucht sich aktuell ja nur ansehen, wie viele Kleidungsstücke einen hohen Biobaumwollanteil haben und wie viel Biobaumwolle weltweit produziert wird. Die Rechnung geht nicht wirklich auf.“ So viel zu Zertifikaten, Kontrollen und gelebter Transparenz.

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