Was zum Teufel ist Bagasse?

Weltweit ist ein Umdenken im Gang, wenn es um Plastik geht. Alternativen aus erneuerbaren Rohstoffen stehen dabei hoch im Kurs – dieses Abfallprodukt interessiert uns besonders.
© RAUSCH

Als Plastik-Ersatz ist der Biokunststoff PLA am Markt derzeit am gefragtesten. Er wird aus nachwachsenden und natürlichen Rohstoffen wie etwa Maisstärke produziert. Daneben existiert aber auch die noch etwas weniger bekannte Bagasse, die einige umwelttechnische Vorteile gegenüber PLA aufweist.

Es ist kaum eine Neuheit, dass sich der Boden unter unseren Füßen und die Atmosphäre, in der wir leben, langsam aber sicher erwärmen. Dieses menschengemachte Phänomen ist schon seit Längerem als „globale Erwärmung“ oder auch „Klimawandel“ weltweit präsent. „Aber die Klimakrise ist bereits gelöst. Wir haben bereits alle Fakten und Lösungen. Alles, was wir tun müssen, ist aufzuwachen und uns zu verändern“, prangerte die junge Klima-Aktivistin Greta Thunberg in ihrer Rede bei der „Declaration of Rebellion” in London Ende des vergangenen Jahres Politiker und Gesellschaft an. Tatsächlich ist eine Veränderung unumgänglich. Viele kleine Faktoren spielen hier jedoch eine große Rolle. Einer davon ist die massenhafte Produktion von Plastik und synthetischen Fasern. 

Kunststoffe werden üblicherweise aus fossilen Rohstoffen gewonnen –genauer gesagt aus Öl und Gas. „Kohlendioxid, Methan und andere Treibhausgase werden in jeder Phase des Plastik-Lebenszyklus freigesetzt. Das beginnt, wenn die fossilen Rohstoffe gewonnen, raffiniert und in energieintensiven Verfahren verarbeitet werden, und endet, wo Kunststoffabfälle entsorgt oder verbrannt werden“, heißt es im „Plastikatlas“ der Heinrich-Böll-Stiftung. Kunststoffe allein könnten damit bis zum Jahr 2050 zwischen zehn und 13 Prozent des Budgets verbrauchen, das im Pariser Klimaabkommen festgelegt wurde, um den weltweiten Temperaturanstieg unter 1,5° Celsius zu halten. Daneben sind auch die negativen Auswirkungen auf unser Ökosystem kein Geheimnis. Um diese Entwicklungen einzudämmen und im besten Fall irgendwann endgültig auszumerzen, wird nach Alternativen zu Plastik gesucht. Aber was zum Teufel ist eigentlich Bagasse? Und kann sie tatsächlich Plastik ersetzen?

Eine Alternative zu Erdöl

„Bagasse ist ein zellulosehaltiger Rohstoff, der hauptsächlich als Nebenprodukt der Zuckerproduktion aus Zuckerrohr anfällt und als biogener Rohstoff in der Chemie eingesetzt werden kann – so auch, um biobasierte Polymere herzustellen, die dann zu Produkten aus Kunststoff verarbeitet werden können“, erklärt Thomas Jakl, stellvertretender Leiter der Sektion Abfallwirtschaft, Chemiepolitik und Umwelttechnologie im BMNT. Vereinfacht gesagt wird bei der Zuckerproduktion der Saft aus den Zuckerrohrstängeln gepresst. Es bleiben faserige Reste zurück, die normalerweise auf den Müll wandern. Zerkleinert und mit Wasser vermischt, ergeben sie aber eine Masse, die in Form gebracht werden kann und nach der Verwendung einfach verrottet. Mit diesen positiven Eigenschaften stellt Bagasse eine Alternative zu Kunststoffen aus fossilem Erdöl dar. 

Bislang werden weltweit insgesamt allerdings nur zwei Prozent der Plastikprodukte aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Rund 98 Prozent bestehen aus synthetischen Polymeren. „Sämtlichen erdölbasierten Kunststoff durch biobasierten zu ersetzen, ist weder rechnerisch, ökonomisch und ökologisch möglich, noch halte ich es für sinnvoll oder erstrebenswert“, so Jakl. Sein Argument gegen eine Anbau-Intensivierung des begrenzten Rohstoffs Bagasse ist die Gefahr, dass es zu Biodiversitätsverlust und Flächennutzungsänderungen kommen könnte. Die wiederum hätten negative Auswirkungen auf Umwelt und Klima. Darüber hinaus ist der Zuckeranbau selten fair und nachhaltig. „Prinzipiell ist aber eine Nutzung der Reststoffe zu begrüßen“, meint Jakl. Während der globale Zuckerverbrauch sinkt, bestünde durch eine umfangreiche Umstellung auch die Gefahr eines sogenannten Lock-in-Effekts, wodurch der Zucker plötzlich zum Abfallprodukt werden würde. „Bagasse wird jedoch aus unserer Sicht immer Nebenprodukt der Zuckerproduktion bleiben. Braskem in Brasilien (Anm.: Braskem ist einer der größten Kunststoffproduzenten in Amerika) verwendet nach unserem Kenntnisstand die gesamte Zuckerrohrpflanze zur Herstellung von biobasiertem Polyethylen“, sieht Jakl hier kein Hindernis.

Eines der Hauptprobleme ist seiner Ansicht nach aber das Recycling – vor allem bei Wegwerfprodukten wie Verpackungen. Auch wenn der Einsatz von Chemikalien zur Stabilisierung des Materials nicht unbedingt notwendig ist, werden „zur Verarbeitung oder zur Erfüllung einer bestimmten Funktion immer Chemikalien zugesetzt, z.B. Additive“, meint der stellvertretende Sektions-Leiter und ergänzt: „Das gilt für alle Kunststoffe, nicht nur für Plastik, das aus Bagasse hergestellt wurde.“ Da das Zuckerrohr zum Wachstum Temperaturen zwischen 25 und 30° Celsius benötigt, werden wohl weder Anbau noch Produktion in Österreich oder der EU erfolgen. Deshalb „wird auch der Einfluss auf Produktionsbedingungen, Hilfsstoffe etc. gering sein und sich nur mehr über die Produkteigenschaften normieren lassen. Was recyclingfähig ist und welche Probleme mit möglichen Zusatzstoffen in der Folge auftreten werden, ist zu diesem Zeitpunkt also noch unklar“, meint Jakl. Auch die Altstoff Recycling Austria AG hat in dieser Richtung noch wenig Erfahrung und Informationen, erklärt deren Leiter Dieter Schuch.

Von Marion Pertschy

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