FTI: Reisen abgesagt

Seit heute werden aufgrund der Insolvenz keine Reisen mehr durchgeführt. In Österreich dürften über 10.000 Kunden betroffen sein.
Hilflos den Stürmen ausgeliefert: Doris Oberkanins, Austro-Chefin von FTI ©FTI

Das Firmenhandy von Doris Oberkanins ist aktiv. Noch. Und sie hebt es auch ab. Die Austro-Chefin des Reisegiganten FTI ist kurz angebunden. Jüngst wurde sie noch von der Touristikjury – in Anerkennung ihres unermüdlichen Fleißes und des Versuchs, das Unternehmen über Wasser zu halten – mit dem 5. Platz belohnt.

Doch – zu spät. Zu groß die Verbindlichkeiten des Mutterkonzerns. Da gerät auch die Austro-Tochter ins Schlammassel. Oberkanins, die von der Werbe- und Marketingleitung zur Austro-Chefin aufstieg, hält sich knapp in ihren Antworten. Wie es ihr gehe? Relativ gut. Den Umständen entsprechend. Jetzt gebe es unheimlich viel zu tun. Im Sinne der Kunden. Über die Malaise sprechen wolle sie nicht. Nicht jetzt. Noch nicht. Doch FM kennt die Hintergründe.

Der Reisekonzern kam in der Corona-Krise endgültig unter Druck. Obwohl das Unternehmen in dieser Zeit insgesamt 595 Millionen Euro staatliche Hilfe aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) der Bundesrepublik Deutschland erhalten hatte, wurde weiter nach einer Lösung gesucht. Die schließlich auch gefunden wurde. Ein Konsortium unter Führung des US-Finanzinvestor Certares wollte die FTI Group für einen Euro übernehmen und 125 Mio. Euro frisches Kapital in das Unternehmen stecken. Die Wettbewerbshüter mussten dem Deal noch zustimmen.

Doch unter den Zulieferern machte sich offenbar Verunsicherung breit. Und – die Buchungszahlen blieben zuletzt hinter den Erwartungen zurück. „Zahlreiche Lieferanten bestanden auf Vorkasse. In der Folge kam es zu einem erhöhten Liquiditätsbedarf, welcher bis zum Closing des Investorenprozesses nicht mehr überbrückt werden konnte“, begründete FTI den Gang in die Insolvenz.

Für die Kunden überraschend. Die sitzen nun in ihren Urlaubsorten. Und so manches Hotel verlangt von ihnen, noch einmal für die Übernachtung zu bezahlen. Da der Veranstalter dies eben nicht gemacht hätte. Vom Verbraucherschutzverein wird empfohlen, sich in diesem Falle eine entsprechende Bestätigung ausstellen zu lassen. Um in der Heimat wieder ans Geld zu kommen.

Urlauber, die voll Vorfreude heute oder in den nächsten Tagen oder Wochen ihre Reise antreten wollten, dürften nun enttäuscht sein. Reisen werden nicht mehr oder nur noch teilweise durchgeführt.

In Österreich dürften von der Pleite über 10.000 Kunden betroffen sein. Zumindest nach einer ersten Schätzung des Obmanns des Fachverbands der Reisebüros, Gregor Kadanka. Er geht von einer niedrigen fünfstelligen Zahl an Kunden aus. Die besondere Tragik der Insolvenz sei, dass sie direkt vor Beginn der Reisezeit gekommen sei, was die Anzahl der Betroffenen erhöhen könnte. Wobei die meisten ihren Urlaub noch nicht angetreten haben dürften. Daher noch umplanen könnten.

Vorausgesetzt, sie haben auch eine Pauschalreise von FTI gebucht. Denn nur diese sind durch den Deutschen Reiseversicherungsfonds abgedeckt. Wer übers Reisebüro gebucht hat, kann vorerst abwarten. Denn „die Kollegen in den Reisebüros sind dahinter“, so Kadanka. Und würden nun einmal versuchen, die Lage zu klären und dann ihre Kunden aktiv zu informieren. „In den nächsten Tagen“ erwartet der Fachverbandsvertreter mehr Informationen. Alle anderen müssten sich direkt nach Deutschland an den Versicherungsfonds wenden. Der Versicherungsfonds kümmert sich auch um die Rückkehr jener, die im Urlaub von der Pleite überrascht wurden. Wer nur Teilbereiche gebucht hat, also nur Flug oder nur Hotel, der ist auf Goodwill angewiesen oder muss seine Forderungen bei Gericht anmelden.

Für Kadanka ist der Zusammenbruch des drittgrößten europäischen Reiseanbieters am deutschen Markt nicht absehbar gewesen. Auch für Brancheninsider sei er überraschend gekommen. Zuletzt sei die Stimmung eher positiv gewesen, weil mit dem Einstieg des Konsortiums gerechnet worden sei.

Jetzt ist erst einmal der Insolvenzverwalter dran. Als solcher wurde vom Amtsgericht München der Rechtsanwalt Axel Bierbach bestellt. Er verfügt über einige Erfahrungen, auch, wenn es um Insolvenzen mit Österreich-Bezug geht. So begleitete er zuletzt die Insolvenz der Signa-Tochter Sportscheck. In diesem Fall gelang es ihm, einen Käufer zu finden.

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